Zeit und Alter

Ich schwebe durch die Zeit, erschrecke, denn es geht so schnell. Wie ein mächtiger Strudel, der mich immer tiefer ins Alter und die Zukunft zieht. Letzte Woche grünten die Bäume, jetzt fallen ihre Blätter nieder, bedecken die Erde, färben die Welt in neue Farben. Und auch alte Farben.
Und auch ich verändere mich. Vorbei ist die Zeit in der man mich als Kind bezeichnen könnte. Und ich wundere mich. War es nicht gestern, als ich noch durch die Felder tigerte und auf Bäumen herum kletterte? Als ich mich darum scherte wie meine Haare aussehen und Knie und Ellenbogen stets aufgeschürft waren? Als ich mit meinem Vater sprach über Gott und die Welt und mich fragte, wie es wohl sein würde, wenn ich älter wäre? Ich weiß es jetzt und die Zeiten in denen ich ein kleines Mädchen war sind vorbei.
Und ich frage mich, wie es sein wird, wenn ich wirklich erwachsen bin. Aber ich habe Angst vor dem Moment in dem ich mich an den heutigen Tag zurückerinnern werde und sagen muss:"Ich weiß es jetzt."

Ich genieße die Momente, in denen ich einfach nur stehe oder gehe und lausche und sehe. Ich atme die frische Herbstluft oder auch die schwüle Sommerluft, spüre die Steine, auf denen ich sitze, halte ein schweres Buch in meinen Händen ruhen, schnuppere den Geruch der Stadt oder des Landes.
In einem Moment kann so viel Intensität liegen, nicht annähernd ist sie mit allen Sinnen zu erfassen.
Ich sehe Menschen eilen und jammern, in einem fortwährenden Kampf mit sich selbst und all den Zweifeln und Sorgen, mit denen sie sich selbst beladen. Mit denen auch ich mich belade. Und jeder Zweifel und jede Sorge verschwenden meine Zeit.

Ich versuche die Gegenwart als alte Frau zu sehen. Wie wäre es, wenn ich 80 bin und noch einmal die Gelegenheit bekäme diese Gegenwart zu erleben? Noch einmal an die friedlichen Orte meiner Jugend zu reisen. Den Bus noch einmal mit den Augen eines jungen Mädchens besteigen, mit meinen Freunden lachend durch die Nächte streunern, mich zu den verheißungsvollen Klängen rhythmischer elektronischer Bässe bewegen, die Hände eines Jungen an meinen Hüften und seinen Atem in meinem Nacken zu spüren? Noch einmal meine Mutter umarmen, ihren Duft einatmen, mein altes Zimmer sehen, meinen lieben Hund, der mich schon vor so langer Zeit verlassen hat?
Und plötzlich gewinnt jede Sekunde der Gegenwart an unermesslichem Wert, denn mir wird klar, jede Sekunde ist einzigartig und verstreicht unwiederbringlich. Ich werde nie wieder die Chance erhalten, dies alles noch einmal so real zu erleben, deswegen werde ich dankbar sein für alles was mir geschieht- und für das, was mir nicht geschieht. Für alles. In jedem Augenblick. Denn jede Sekunde hat einen Wert.
14.10.08 18:14
 


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